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Johannes Gutenberg-Universität Mainz


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Tagungsbericht Maharil

In den letzten Jahren sind Diskussionen über jüdische Identität im Kontext der aschkenasischen Tradition nicht nur in der jüdischen Öffentlichkeit, sondern auch in der Forschung zu beobachten. Eine Mainzer Tagung, gemeinsam ausgerichtet von der Jüdischen Gemeinde Mainz, der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, dem Förderverein der Synagoge Mainz-Weisenau e.V. und dem Seminar für Judaistik der Gutenberg-Universität Mainz hat sich am 7./8. Oktober in Mainz-Weisenau zur Aufgabe gemacht, das große geistige Erbe des als „Vater des aschkenasischen Brauchtums“ bekannten spätmittelalterlichen Gelehrten MaHaRiL (Moses ben Jakob Halevi Molin, Mainz 1375 – Worms 1427) zu vergegenwärtigen. Dabei ging es sowohl um eine wissenschaftliche Neubewertung seines Wirkens im kulturellen, politischen und sozialen Umfeld, aber – hier formulierte die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz, Stella Schindler-Siegreich, in ihrer Begrüßung am Sonntagabend ganz konkrete Erwartungen – auch um die Frage, welche Impulse diese Geschichte für heutige Identität bereithält.


MaHaRiLs Wirken als einflussreichste Autorität am Ausgang des Mittelalters, seine Rechtsentscheide und die Sammlung der aschkenasischen Bräuche im Sefer MaHaRiL (Sefer Minhagim), fand in einer „turbulenten Zeit“ (Rabbiner Leo Trepp, Grußwort) statt und haben jüdische Lebensweise für die Jahrhunderte geprägt: Der Gelehrte gehörte zur zweiten Generation von Juden, die sich nach der durch Pest, Pogrome und Vertreibungen bedingten Katastrophe des 14. Jh. neu in Deutschland situieren mussten. Diese Eindrücke schlagen sich im Werk des MaHaRiL vielfach nieder, etwa wenn er, um bei Angriffen eine Auslöse bereit zu haben, das Tragen von Geld am Schabbat zulässt. Der Ausmaß der Zerstörung von Leben, Kultur und Tradition um 1350 und gleichzeitig die herausragende Rolle des MaHaRiL für die Sicherung des Erbes wird schon dadurch sichtbar, dass viele bis heute gepflegte Bräuche mit seinem Namen verbunden sind und womöglich auf ihn zurückgehen. Das gilt auch für den bekannten Taschlich-Ritus zu Rosch haSchana, bei dem im Gebet symbolisch „all unsere Sünden in die Tiefen des Wassers geworfen“ werden (Micha 7, 19).


Die zwei Tage mit Vorträgen von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus dem In- und Ausland, darunter gleich mehrere Nachwuchskräfte, regte lebhafte Diskussionen an und bot interessante Ansätze für die weitere Arbeit: So führte die Durchsicht der Äußerungen des Sefer Maharil zum Kultgerät zur Frage, inwieweit das Wirken des MaHaRiL einen Paradigmenwechsel in den dezimierten aschkenasischen Gemeinden des 14. und 15. Jahrhundert vom Text zu Ritus und Brauch anzeigt (Annette Weber, Heidelberg). Diskutiert wurde am Beispiel der Beschneidung ferner die beim MaHaRiL erkennbare Verlagerung des Ritus vom familiären Raum in die Synagoge und hier vor den Thoraschrein mit entsprechenden Konsequenzen für Öffentlichkeit und religiösen Bedeutungszuwachs (Elisabeth Hollender, Düsseldorf). Beim Blick auf die Zeitumstände kann der Eindruck entstehen, der MaHaRiL sei lediglich noch ein „Konkursverwalter des zerstörten aschkenasischen Erbes“ gewesen, der die lokalen Bräuche nach einer antiquarischen Manier sammelte und nicht absehen konnte, dass sie bis heute identitätsstiftend wirken können. Dem steht jedoch der „Anspruch auf Ewigkeit“, nach dem lokale Bräuche als verbindliche Gesetze zu gelten haben, entgegen (Johannes Heil, Heidelberg).


Ein weiterer Schwerpunkt der Tagung galt der Binnenbezug zwischen Sefer Minhagim und Entstehungsort. Dabei kamen auffallend viele und vielfältige Bezüge auf Mainz und seine Gemeinde zum Vorschein (Andreas Lehnardt, Mainz), aber auch durch die Zeitumstände bedingte Änderungen im Verständnis von Tod und Trauer, insbesondere intensivierte Auferstehungserwartungen und Beschäftigungen mit der „kommenden Welt“ (Nathan Barak, Tel Aviv/Heidelberg).


Ferner wurden mit textanalytischem Zugriff die Charakteristika des Sefer MaHaRiL, vor allem seine diskursive Offenheit, im Abgleich mit anderen Beispielen des Genres Sefer Minhag (Vladislav Mitushenkov, Heidelberg) sowie seine Prägung durch die donauländische Schulung des MaHaRil (Wien, Wiener Neustadt) mit Beziehungen zum Minhag Austraich (Martha Keil, Wien). In weiteren Schritten wurden Rezeption und Niederschlag des Buches, aber auch methodische Probleme solcher Bestimmung, in den halachischen Werken des 17. und 18. Jahrhunderts (Birgit Klein, Heidelberg) sowie sein Weiterwirken und die jiddischsprachige Popularisierung unter den aschkenasischen Gemeinden Nord- und Mittelitaliens (Lucia Raspe, Frankfurt am Main) vorgestellt.


Am Ende wurde der bis heute auf dem Wormser Heiligen Sand fragmentarisch erhaltene Grabstein des MaHaRiL, der bis heute ein Pilgerziel ist, betrachtet. Der Stein fällt nicht nur durch seine exponierte Alleinstellung im „Tal der Rabbiner“ und seine für die Zeit ausgesprochen gediegene Schriftführung auf. Rückseitig weist er Graffiti auf, die nicht als Schändung, sondern im Gegenteil als frommer Anruf um Beistand des großen Gelehrten verstanden werden sollen. In den auch heute immer wieder hinterlegten Kvitteln, Zetteln mit Bitten, und den Nerot tamid am Fuß des Steins werden die Präsenz des MaHaRiL und seine identitätsstiftende Bedeutung für die Nachwelt unmittelbar ersichtlich (Michael Brocke, Duisburg).


Julia R. Itin, Heidelberg

Kontakt:
Professor Dr. Andreas Lehnardt
Seminar für Judaistik
Saarstr. 21
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Forum 5
55099 Mainz
Tel.: 06131/39-20312
Fax: 06131/39-26700
E-Mail: lehnardt@uni-mainz.de

Professor Dr. Johannes Heil, Prorektor
Ignatz Bubis Lehrstuhl für Kultur, Geschichte und Religion
Hochschule für Jüdische Studien
Friedrichstr. 9
69117 Heidelberg
Tel. 06221/438 51-15, Fax -29
E-Mail: johannes.heil@hfjs.uni-heidelberg.de
neu: http://www.medieval-jewish-studies.com/

 

 
Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 05.11.2007
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